Praxis + Projekte | Reken Strom wird ins öffentliche Strom- netz eingespeist. Heute besteht ein lokales Energienetz, an das neben 34 Wohnhäusern auch Schulen, Kindergärten, Sozialeinrichtungen, Schwimmbäder, Sportvereine und Gewerbebetriebe angeschlossen sind. Inzwischen werden nur noch 20 Prozent des Biogases direkt auf dem Hof zu Strom und Wärme umgewandelt, der Großteil geht an die Satellitenstandorte. Bioenergie wirkt stabilisierend Wichtiger Schlüssel in dem Projekt ist die günstige Kombination von Gaserzeugung, Wärmebedarf und stromorientierter Fahrweise der BHKW. Durch den wachsenden Anteil von volatiler Wind- und Sonnenenergie hat sich der Strom- markt rasant entwickelt. Insbe- sondere wenn zu wenig Wind und Sonne zur Verfügung stehen, ist ein BHKW-Betrieb aus Marktsicht lukrativ. Umgekehrt ist die Verstro- mung von Biogas kaum sinnvoll, wenn ein Überangebot aus Wind- und Sonnenergie vorhanden ist. „Mehrere Satelliten standorte sind mit Wärmepuffern als Zwischen- speicher ausgestattet, die den zeitlichen Versatz von Strom- und Wärmebedarf überbrücken“, er- läutert Ulrike Benning. So können die Potenziale der Kraft-Wärme- Kopplung optimal genutzt werden. Und wie sich die Produktion des Biogases auf die energetischen Bedarfe abstimmen lässt, kann man bei Benning Agrar-Energie mit den Erfahrungen aus mehr als zwei Jahrzehnten gut einschätzen. Bei der Umsetzung ihres Konzepts setzten die Bennings immer auch auf Dialog – mit Anwohnern, Lo- kalpolitik oder benachbarten Indus- triebetrieben. Damit begegnete die Familie auch Vorbehalten gegen er- neuerbare Energien. „Grund hierfür war nicht immer eine Ablehnung der Projekte selbst, sondern die oft- mals anonymen Investoren und Ge- schäftsmodelle dahinter. Wir haben von Beginn an versucht, die Leute mitzunehmen und mit technischer Expertise Vertrauen zu schaffen“, erzählt Hermann-Josef Benning. Einen weiteren Aspekt sieht er in der Auswahl der Partner, die in das Projekt eingebunden sind. „Gerade bei Wartung und Service müssen wir uns jederzeit auf unsere Partner verlassen können. Bei der Anlagentechnik setzen wir stark auf lokale Unternehmen, zu denen in den letzten Jahrzehnten eine enge Beziehung aufgebaut wurde.“ Infolge der politischen Entwicklun- gen der vergangenen Monate und Jahre haben sich mediales Interesse und auch die Nachfrage nochmals erhöht. „Heutzutage ist jeder – egal ob Industriebetrieb oder privater Haushalt – froh, wenn er einen persönlichen Fahrplan hat, wie er Klimaneutralität, Wirtschaft- lichkeit und Versorgungsicherheit in Einklang bringen kann“, sagt Hermann-Josef Benning. Bei aller Wichtigkeit und den gewachsenen Versorgungsstrukturen in Reken will er seine Rolle jedoch nicht überhöht verstanden wissen: „Wir sehen uns nach wie vor als Land- wirte, die Strom und Wärme als Produkte für den täglichen Bedarf der Bevölkerung im lokalen Umfeld anbieten.“ In der Vergangenheit sahen sich die Bennings immer wieder mit politischen Hürden konfrontiert, die ihnen die Betriebsentwicklung erschwert haben: „Man hatte immer mal wieder das Gefühl, dass die Bioenergie so etwas wie das unge- liebte Stiefkind der Erneuerbaren ist. Die Tank-und-Teller-Diskussion wird uns immer wieder aufgetischt. Dabei ist in der Debatte noch nicht wirklich angekommen, dass der Anteil an Feldfrüchten als Ein- satzstoff in der Biogasanlage stark zurück geht und immer mehr Rest- stoffe eingesetzt werden. Verkannt wird darüber hinaus die zunehmen- de Wichtigkeit der Bioenergie, die ihr im Zuge des Ausbaus von Wind und Sonne als stabilisierendes Ele- ment im Stromsektor zukommen wird.“ Innovationen vom Lande Bezogen auf ihr eigenes Unter- nehmen blicken die Bennings zuversichtlich nach vorne. Derzeit werden verschiedene Optionen geprüft, um das Zusammenspiel der erneuerbaren Energien zu optimieren und um zu verhindern, dass die günstigen Stromerzeuger Wind und Sonne bei hohem Ange- bot – Hellbrise – abgeregelt werden müssen, sondern durch verlustarme Transformationsprozesse im Sinne der Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität genutzt werden können. Biogas- und bio- methanbetriebene BHKW sollen im gegenteiligen Fall – Dunkelflaute – das Stromnetz und den Strommarkt stabilisieren. An die Politik richtet Ulrike Benning klare Worte: „Der ländliche Raum muss die Städte nicht nur mit Nahrungsmitteln, sondern auch mit Energie versor- gen. Wenn die Politik es schafft, die innovativen Lösungsansätze, die engagierte Menschen auf dem Land in den vergangenen Jahren erarbei- tet haben, ernst zu nehmen und das wahre Potenzial zu erkennen, wird das die Energiewende allerorts zum Erfolg führen.“ Stefan Liesner ist Head of Public Affairs / Public Relations bei der 2G Energy AG. stadt + werk | 11/12 2023 45