Titelthema | Intelligente Messsysteme Smart Metering vereinfachen Da sich der Roll-out intelligenter Messsysteme noch über einige Jahre hinziehen wird, möchte die Initiative Simplify Smart Metering Lösungen voranbringen, die bereits heute das Potenzial der Digitalisierung im Messwesen nutzbar machen. Der Roll-out intelligenter Messsys- teme ist ein zentraler Bestandteil der Energiewende und wird sich noch über einige Jahre hinziehen. Gleichzeitig bietet die Digitalisie- rung heute bereits viele Möglich- keiten, die nicht ungenutzt bleiben dürfen, will man dem Ziel der Kli- maneutralität näher kommen. Die Initiative Simplify Smart Metering (www.simplify-smart-metering.de) hat sich zum Ziel gesetzt, Lösungen voranzubringen, die heute schon das Potenzial der Digitalisierung im Messwesen nutzbar machen. Hoher Aufwand bis zum iMSys Die erfolgreiche Integration erneu- erbarer Energien in das Stromsys- tem erfordert Anreize, den Strom- verbrauch an die Verfügbarkeit anzupassen. Ein zentrales Element des zukünftigen Strommarktdesigns sind daher dynamische Tarife, die sich an den aktuellen Börsenpreisen orientieren. Diese bilden Angebot und Nachfrage unmittelbar ab. Ab 2025 sind alle Energieversorger ver- pflichtet, solche Tarife anzubieten. Damit diese korrekt abgerechnet werden können, ist eine Ver- brauchsdatenerfassung in exakten 15-Minuten-Intervallen erforderlich. Die derzeitige Infrastruktur stellt allerdings eine erhebliche Hürde dar. Der gesetzlich vorgesehene Weg zur Datenübermittlung führt über das intelligente Messsystem (iMSys), das allerdings an den meisten Messstellen noch nicht installiert ist. Für Versorger, deren Kunden einen dynamischen Tarif wünschen, entsteht somit ein Pro- blem. Felix Zösch, Geschäftsführer der Stadtwerk Haßfurt GmbH, erklärt: „Wenn wir den Kunden und die Messstelle nicht verlieren möchten, müssen wir dort ein intel- ligentes Messsystem installieren.“ Der damit verbundene Aufwand ist jedoch enorm: Von der Beschaf- fung über die Montage bis hin zum Betrieb in der vorgeschriebenen si- cheren Infrastruktur sind zahlreiche aufwendige Prozesse notwendig. Zudem entstehen Kosten für zer- tifizierte IT-Systeme, Dienstleister, SIM-Karten und weitere technische Komponenten. „Die bestehenden Preisobergrenzen decken diese Aufwendungen nicht einmal ansatzweise. Hinzu kom- men praktische Herausforderun- gen“, erklärt Zösch weiter. „Wenn es dumm läuft, steht der Monteur am Ende im Keller und stellt fest, dass es dort keinen Netzempfang gibt.“ Auch Marcel Linnemann, Stabsbereichsleiter Energiewirt- schaft der Firma items aus Münster, bestätigt die wirtschaftlichen und technischen Schwierigkeiten in- telligenter Messsysteme: „Ich habe gewisse Zweifel, ob die Prozesse wirklich massentauglich sind.“ Vor diesem Hintergrund ist es nach- vollziehbar, dass sich viele grund- zuständige Messstellenbetreiber beim Smart Meter Roll-out auf die gesetzliche Mindestanforderung beschränken. Die gesamte Situation führt aktu- ell dazu, dass die Digitalisierung der Messstellen und damit eine essenzielle Voraussetzung für den klimaneutralen Umbau des Ener- giesystems noch lange nicht flä- chendeckend umgesetzt wird. Dies betrifft auch wichtige Anwendun- gen im Netzbetrieb, wie die stich- tagsgenaue Abrechnung kleiner PV-Anlagen unter sieben Kilowatt, zeitvariable Netzentgelte für Be- treiber steuerbarer Verbrauchsein- richtungen oder eine Netzplanung anhand realer Lastprofile. Kurzfristige Alternativen Um Stillstand zu verhindern, setzt sich die Initiative Simplify Smart Metering für eine pragmatische Übergangslösung ein: Sie fordert, kommunikationsfähige Zähler für Abrechnungszwecke zuzulassen. Die Initiative wird mittlerweile von 32 offiziellen Unterstützern getragen – darunter Stadtwerke verschiedener Größenordnung, IT- und Metering-Dienstleister sowie Technologieanbieter. Ziel ist es, eine digitale Bereitstellung von Stromverbrauchsdaten mit einfa- cheren Mitteln zu ermöglichen. „Wir wollen damit keine Alterna- tive zum intelligenten Messsystem etablieren. Wir werben lediglich darum, nicht abzuwarten, bis der Roll-out großflächig umgesetzt ist, sondern die Zeit sinnvoll zu über- brücken“, betont Gerhard Radtke, Berater mit langjähriger Manage- menterfahrung in der Energiewirt- schaft. Er ist neben Felix Zösch, Marcel Linnemann und Andreas Fabri, Leiter Messstellenbetrieb der N-ERGIE, ein Mitinitiator der Initiative. 20 stadt + werk | 3/4 2025